Bereits im
Mittelalter hat man Schlafentzug als Foltermethode eingesetzt. Seit
ca. sechs Jahren kann ich sehr gut nachvollziehen warum.
Meine Tage
beginnen grundsätzlich sehr früh, ganz besonders dann, wenn
ich in die Schule muss. Im Gegensatz zu den meisten meiner
Kommilitonen muss ich in der Früh nicht nur mich selbst wach
bekommen, waschen, anziehen, füttern und mir Pausenbrote
schmieren, sondern zusätzlich dasselbe auch noch für zwei
weitere Personen erledigen. Meine Jungs und ich sind fast jeden Tag
die ersten im Kindergarten. Zusammen mit zwei anderen Müttern,
die offensichtlich ähnlich früh in der Arbeit erscheinen
müssen wie ich, stehen wir pünktlich um Viertel nach Sieben
vor der Tür und warten auf das Summen des Türöffners.
Mein Wecker klingelt um 5:30.
Ich
versuche, früh ins Bett zu gehen. Ich versuche es wirklich. Aber
oft muss ich abends noch etwas lernen, noch etwas ausdrucken, noch
etwas vorbereiten. Wenn ich einen guten Tag habe, schaffe ich es so
gegen 23:00 ins Bett. Von 23:00 bis zum Weckerklingeln um 5:30 sind
es sechseinhalb Stunden. Zu wenig für einen Siebenschläfer
wie mich, vor allem über Tage, Wochen, Monate, Jahre hinweg. Ich
leide also quasi an einem über Jahre angesammelten permanenten
Schlafentzug. Wikipedia sagt, dauerhafter Schlafmangel führt zu
„erhöhter Infektanfälligkeit, Kopfschmerzen,
Denkstörungen, Müdigkeit, Halluzinationen und Reizbarkeit“.
Das alles kann ich bestätigen.
Aber der Mensch gewöhnt sich ja an
Vieles. Und so habe ich mich wohl auch halbwegs an den Zustand einer
permanenten Übermüdung gewöhnt. Wirklich schlimm wird
es aber in Nächten wie der vor zwei Tagen:
Den Wecker auf 5:30 gestellt, bin ich
um 23:30 totmüde ins Bett gefallen, als ich mitten in der Nacht
ein Geräusch höre. Meine Zimmertür geht auf, kleine
nackte Füße tapsen über den Boden. „Bitte nicht,“
flüstere ich, hoffe, dass ich nur träume, weigere mich, die
Augen zu öffnen. Wenn ich einfach weiterschlafe, wird es von
alleine wieder weggehen.
„Mama?“
Es ist ein Traum, nur ein Traum, ich
muss nicht antworten.
„Mama, ich hab Pipi ins Bett gemacht.
Mein Schlafanzug ist nass, meine Decke auch und überhaupt das
ganze Bett.“
Es ist kein Traum, es wird nicht
weggehen. Vor mir steht Leo, er sieht zerknirscht aus. Der
Radiowecker zeigt 3:27.
Müdigkeit, Kopfschmerzen, erhöhte
Reizbarkeit, ja, ich weiß. Aber das ist keine Entschuldigung,
ich darf ihn nicht schimpfen. Er macht so gut wie nie ins Bett. Und
er ist ja noch nicht mal vier Jahre alt.
Ich quäle mich also aus dem Bett.
Ich ziehe Leo den klebrigen Schlafanzug aus, stecke ihn unter die
Dusche, kleide ihn frisch ein, ziehe das Bett ab, stopfe nasse Wäsche
in die Maschine (Waschen morgen nicht vergessen!), ziehe frische
Bettwäsche auf, kuschle das Kind wieder hinein, „gute Nacht,
süße Maus“ und krieche selbst zurück ins Bett. Es
ist 4:00. Ich hab noch anderthalb Stunden, schnell wieder
einschlafen, morgen ist ein anstrengender Tag. Ich hab Schule, die
dritte Stunde halte ich. Hab ich alle Materialien eingepackt? Ich
darf in der Früh nicht vergessen, nachzuschauen. Vielleicht
sollte ich jetzt nachschauen...? Nein, stopp, sofort aufhören zu
denken, ich will schlafen, ich hab nicht mehr viel Zeit, ich bin müde
und hab Kopfschmerzen. Komm schon, Mila, schlaf schnell wieder ein!
Ich drehe und wälze mich. Wenn das
Denken einmal eingesetzt hat, lässt es sich so schnell nicht
mehr abschalten. Gegen 5:00 falle ich in einen watteweichen Schlaf.
Der nur wenige Minuten später vom unerbittlichen Weckerklingeln
wieder zerstört wird.
Guten Morgen, Mila, ein neuer Tag beginnt! Raus aus den Federn, deine Schüler erwarten eine frische und motivierte Lehrerin!
Herzlich Willkommen
im Mittelalter.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen