Donnerstag, 15. Mai 2014

Mittelalterliche Foltermethoden

Bereits im Mittelalter hat man Schlafentzug als Foltermethode eingesetzt. Seit ca. sechs Jahren kann ich sehr gut nachvollziehen warum.
Meine Tage beginnen grundsätzlich sehr früh, ganz besonders dann, wenn ich in die Schule muss. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kommilitonen muss ich in der Früh nicht nur mich selbst wach bekommen, waschen, anziehen, füttern und mir Pausenbrote schmieren, sondern zusätzlich dasselbe auch noch für zwei weitere Personen erledigen. Meine Jungs und ich sind fast jeden Tag die ersten im Kindergarten. Zusammen mit zwei anderen Müttern, die offensichtlich ähnlich früh in der Arbeit erscheinen müssen wie ich, stehen wir pünktlich um Viertel nach Sieben vor der Tür und warten auf das Summen des Türöffners. Mein Wecker klingelt um 5:30.
Ich versuche, früh ins Bett zu gehen. Ich versuche es wirklich. Aber oft muss ich abends noch etwas lernen, noch etwas ausdrucken, noch etwas vorbereiten. Wenn ich einen guten Tag habe, schaffe ich es so gegen 23:00 ins Bett. Von 23:00 bis zum Weckerklingeln um 5:30 sind es sechseinhalb Stunden. Zu wenig für einen Siebenschläfer wie mich, vor allem über Tage, Wochen, Monate, Jahre hinweg. Ich leide also quasi an einem über Jahre angesammelten permanenten Schlafentzug. Wikipedia sagt, dauerhafter Schlafmangel führt zu „erhöhter Infektanfälligkeit, Kopfschmerzen, Denkstörungen, Müdigkeit, Halluzinationen und Reizbarkeit“. Das alles kann ich bestätigen.
Aber der Mensch gewöhnt sich ja an Vieles. Und so habe ich mich wohl auch halbwegs an den Zustand einer permanenten Übermüdung gewöhnt. Wirklich schlimm wird es aber in Nächten wie der vor zwei Tagen:
Den Wecker auf 5:30 gestellt, bin ich um 23:30 totmüde ins Bett gefallen, als ich mitten in der Nacht ein Geräusch höre. Meine Zimmertür geht auf, kleine nackte Füße tapsen über den Boden. „Bitte nicht,“ flüstere ich, hoffe, dass ich nur träume, weigere mich, die Augen zu öffnen. Wenn ich einfach weiterschlafe, wird es von alleine wieder weggehen.
„Mama?“
Es ist ein Traum, nur ein Traum, ich muss nicht antworten.
„Mama, ich hab Pipi ins Bett gemacht. Mein Schlafanzug ist nass, meine Decke auch und überhaupt das ganze Bett.“
Es ist kein Traum, es wird nicht weggehen. Vor mir steht Leo, er sieht zerknirscht aus. Der Radiowecker zeigt 3:27.
Müdigkeit, Kopfschmerzen, erhöhte Reizbarkeit, ja, ich weiß. Aber das ist keine Entschuldigung, ich darf ihn nicht schimpfen. Er macht so gut wie nie ins Bett. Und er ist ja noch nicht mal vier Jahre alt.
Ich quäle mich also aus dem Bett. Ich ziehe Leo den klebrigen Schlafanzug aus, stecke ihn unter die Dusche, kleide ihn frisch ein, ziehe das Bett ab, stopfe nasse Wäsche in die Maschine (Waschen morgen nicht vergessen!), ziehe frische Bettwäsche auf, kuschle das Kind wieder hinein, „gute Nacht, süße Maus“ und krieche selbst zurück ins Bett. Es ist 4:00. Ich hab noch anderthalb Stunden, schnell wieder einschlafen, morgen ist ein anstrengender Tag. Ich hab Schule, die dritte Stunde halte ich. Hab ich alle Materialien eingepackt? Ich darf in der Früh nicht vergessen, nachzuschauen. Vielleicht sollte ich jetzt nachschauen...? Nein, stopp, sofort aufhören zu denken, ich will schlafen, ich hab nicht mehr viel Zeit, ich bin müde und hab Kopfschmerzen. Komm schon, Mila, schlaf schnell wieder ein!
Ich drehe und wälze mich. Wenn das Denken einmal eingesetzt hat, lässt es sich so schnell nicht mehr abschalten. Gegen 5:00 falle ich in einen watteweichen Schlaf. Der nur wenige Minuten später vom unerbittlichen Weckerklingeln wieder zerstört wird.
Guten Morgen, Mila, ein neuer Tag beginnt! Raus aus den Federn, deine Schüler erwarten eine frische und motivierte Lehrerin!
Herzlich Willkommen im Mittelalter.

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