Montag, 5. Mai 2014

Alle Jahre wieder: Der Kampf um einen Betreuungsplatz

Betreuungsplätze für Kinder in München sind Mangelware. Weiß eigentlich jeder, oder? Vor fünf Jahren wusste ich es noch nicht. Oder ich machte mir zumindest keine Vorstellung von dem tatsächlichen Ausmaß. Mit einem einjährigen Julian spazierte ich damals in eine Kinderkrippe und wollte mein Kind anmelden. Die bearbeitende Erzieherin sah mich verwirrt an: „Dieses Kind wollen Sie anmelden? Aber es ist ja schon geboren!“
Nennt mich naiv, aber ich wusste tatsächlich NICHT, dass man sein Kind für eine Kinderkrippe anmelden muss, sobald man den zweiten Strich auf dem Schwangerschaftstest erahnen kann.
„Ich will ja auch gar nicht, dass er jetzt sofort in die Krippe geht,“ versuchte ich zu erklären, „aber vielleicht so etwa in einem Jahr...“ Kopfschüttelnd nahm die Erzieherin meinen Antrag auf: „Ein Krippenplatz in München, das ist wie ein Sechser im Lotto!“
Natürlich habe ich nie einen Platz für Julian bekommen. Ich musste ihn in eine private Elterninitiative geben, in der wir Eltern selbst gekocht, geputzt und für kranke Erzieherinnen eingesprungen sind.
Bei Leo dachte ich dann, ich bin klüger. Ich war in der 10. Woche schwanger, als ich ihn – oder vielmehr: es (damals wusste ich ja noch nicht einmal, dass es ein Junge werden würde) – in der Krippe angemeldet habe. Aber auch für ihn habe ich erst einen Platz bekommen, als er schon zwei Jahre alt war. So musste Leo davor ein Jahr lang eine private Krippe besuchen, die mich monatlich so viel gekostet hat wie eine Zweitwohnung.
In der Zwischenzeit hatte aber bereits der Kampf auf der nächsten Stufe begonnen: Ich brauchte einen städtischen Kindergartenplatz für Julian. Mittlerweile alleinerziehend konnte ich mir eine private Einrichtung auf gar keinen Fall mehr leisten. Und wieder einmal sammelte ich Absage um Absage (sieben Stück insgesamt). Erst im Nachrückverfahren hatte ich Glück und Julian bekam einen Platz.
Dann durfte ich ein Jahr lang entspannen. Über die Geschwisterregelung bekam Leo wunderbar problemlos einen Platz in demselben Kindergarten.

Aber jetzt geht es wieder von vorne los. Julian kommt im Herbst in die Schule. Diese Woche habe ich die erste Absage vom Hort bekommen. Ich erwarte weitere. Jeden Morgen öffne ich mit zitternden Händen den Briefkasten. Die Absagen von städtischen Einrichtungen sind rosa. Das Rosa sieht man schon durch das Sichtfenster im Brief, da braucht man ihn eigentlich gar nicht mehr aufmachen. Rosa Briefe von der Stadt sind keine zärtlichen Liebesbriefe, sondern lösen in mir – sowie bestimmt in vielen anderen Müttern – pure Verzweiflung aus. Rosa Briefe bedeuten: Mütter, zurück ins Haus! Schluss mit Arbeit, Selbstständigkeit, Studium.
Aber noch ist der Kampf nicht verloren. Noch bleibt das Nachrückverfahren. Noch gebe ich nicht auf. Tag für Tag werde ich in den Hort spazieren und dort alle zu Tode nerven. Solange bis das Sichtfenster des städtischen Briefs grün wird.


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